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Sieglinde Jörg - Soft Teaching Professional - Profi für feine Reitlehre 

Reiten lehren – die Kunst der didaktischen Reduktion

Sieglinde Jörg


Ich habe mich dazu entschieden, Abhandlungen zu verfassen, wie die Reitlehre didaktisch sinnvoll reduziert erfolgreich vermittelt werden kann.


Ich sammle zunächst Eindrücke. Später werden die Abhandlungen sortiert und in einem Gesamtwerk in sinnvoller Reihenfolge dargestellt.


Zu viele Ausbilder schulen eine zu starke Einwirkung, statt Körperbewusstsein und ein tiefes Verständnis für die Reitlehre zu vermitteln. Die Reiter werden zu früh und mit viel zu komplexen oder zu oberflächlichen Anweisungen in Lektionen geschickt, die sie noch nicht korrekt ausführen können.


Mir liegt am Herzen, zu vermitteln, wie fein Pferde in der Wahrnehmung sind und wie leicht sich reiten anfühlen kann.


Viele Ausbilder meinen das Richtige, ihre Anweisungen führen aber zu groben Fehlern in der Hilfengebung und Einwirkung. 


Außerdem wird die Verfassung der Pferde zu wenig berücksichtigt. Hier muss insbesondere im Breitensport sehr viel beharrliche Aufklärungsarbeit erfolgen. Es muss, auch wenn das unangenehm ist, über die körperlichen Defizite der Pferde aufgeklärt werden. Jahrelanges fehlerhaftes Reiten hat immense Auswirkungen auf die körperliche Verfassung der Pferde. Die Besitzer und Reiter müssen darauf hingewiesen werden, was das Pferd in seiner momentanen Verfassung überhaupt leisten kann. Wir haben es hier mit Pferden zu tun, die durch jahrelange Verspannungen unter Verschleißerscheinungen leiden, die nicht altersgemäß sind. Zu viele Ausbilder setzen sich darüber hinweg. Die Ansprüche der Reiter passen häufig nicht zu dem für das Pferd körperlich Machbaren. Auch sind die Reiter häufig noch nicht so weit. Hier muss mit bedachter, gymnastizierender Arbeit und viel Geduld gearbeitet werden, wenn nötig mit Hilfe von Osteopathen und guten Sattlern. Man muss aber auch wissen, dass die Pferde, wenn sie lockerer werden, anspruchsvoller an den Reiter werden und weniger fehlertolerant. Es kann nicht sein, dass man einfach nur Reitunterricht gibt, aber nicht über die körperliche Verfassung der Pferde spricht, die Reiter auf ihre persönliche Fitness aufmerksam macht und man muss auch mal Grenzen setzen.



Hinzu kommt, dass sich auch in der Reiterwelt die Mentalität der Konsumgesellschaft widerspiegelt -alles muss schnell zu erlernen sein, sofort funktionieren, die Pferde haben gefälligst das zu tun, was der Reiter will. Es fehlt an Disziplin, Selbstdisziplin, Respekt und insbesondere an Demut vor der Kreatur. Zur Selbstkritik sind die wenigsten fähig. Hier ist entscheidend, den Reiter nicht durch Kritik zum Ziel zu führen sondern indem der Ausbilder die richtigen Übungsschritte wählt, so dass ein Pferd auch unter einem schwachen Reiter über den Rücken schwingt oder schwungvoll wird, wodurch ein schönes Reitgefühl erfahrbar wird und die Erkenntnis, dass weniger mehr ist, gewonnen wird.


Es ist ganz entscheidend, dieses Ziel an erste Stelle zu setzen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Ausbilder dürfen nicht hinnehmen, dass die Pferde nicht über den Rücken schwingen. Es ist ihre Aufgabe – und die ist bei minder talentierten Reitern auf verrittenen Pferden eine Herausforderung – genau daran zu arbeiten.


Wenn Pferde aufgrund bestimmter Krankheitsbilder oder Beeinträchtigungen nicht mehr das leisten können, was sie sollen, sich aber trotzdem bewegen möchten oder müssen, dann muss die körperliche Einschränkung berücksichtigt werden, denn nur ein wirklich gesundes Pferd kann den Schwung aus der Hinterhand entwickeln, der für eine echte Versammlung notwendig ist. Die meisten Pferde im Breitensport haben bereits Probleme, sich gleichmäßig nach vorne und hinten zu dehnen und sind zu gleichmäßiger Längsbiegung nicht fähig.


Freizeitreiter hören wie wichtig Seitengänge seien und wollen diese auch reiten, haben aber schon im unteren Bereich der Ausbildungsskala schwer zu kämpfen. Hier ist konsequente Aufklärung notwendig. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ein talentierter Reiter auf einem gesunden Sportpferd unterrichtet wird oder ein Freizeitreiter, dessen körperliche Fitness und Koordinationsfähigkeit nicht auf dem erforderlichen Level sind.


Ich werde zunächst mit einer losen Sammlung von Erkenntnissen beginnen. Später wird dann an Fallbeispielen gezeigt, wie erfolgreiche Lehre aussieht und in die Kunst der didaktischen Reduktion in der Dressurausbildung von Freizeitreitern eingeführt.


Denn auch Lehren ist Kunst und bedarf insbesondere im Breitensport eines hohen Maßes an Geschick. Die Reitlehre gibt alles her, was wichtig ist, aber es fehlt noch ein Standaradwerk für die didaktische Vermittlung.


Ab wann darf man einen wenig talentierten Reiter in das Reiten von Seitengängen heranführen? Wie vermittle ich erfolgreich ein Gefühl für den richtigen Sitz auf gebogener Linie? Wie schicke ich einen Reiter ins Schultervor, wenn ich ihm die Hilfengebung in ihrer Komplexität nicht erklären darf, weil er sonst zu viele Fehler macht?



Hier nun zunächst die lose Sammlung von Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Unterricht, noch ohne darauf einzugehen, wie die beschriebenen Punkte didaktisch reduziert und effektiv unterrichtet werden können, so dass der Reitschüler in korrektes und feines Reiten findet. 



Es wird den Reitern zu früh erlaubt, die Zügel in die Hand zu nehmen, begleitet von zu starken treibenden Hilfen gegen den Rhythmus.(Sieglinde Jörg)


Häufige Ausbilder-Fehler:

  • ein falsches Verständnis von treibenden Hilfen

  • was Treiben wirklich heißt, wird nicht erklärt

  • die Reiter nehmen die Zügel stark an, lenken damit das Pferd

  • sie bohren mit dem Unterschenkel im Pferd herum und hauen es mit der Gerte.

  • Balanceprobleme des Reiters werden vertuscht, sind aber ursächlich für triebige, nicht korrekt an den Hilfen stehende Pferde.



Dem Reitschüler muss durch entsprechendes Training vermittelt werden, dass er seine Muskulatur in einem feinen Wechselspiel anspannen und entspannen kann, wobei die Fähigkeit sie entspannen zu können wichtiger ist, und dass er dieses Wechselspiel mit zunehmender reiterlicher Entwicklung auch in Nuancen beherrscht. Wie dies didaktisch reduziert durch das Reiten z.B. von Übergängen erreicht wird, wird später erklärt.


Häufige Ausbilderfehler:

  • Es wird nicht auf die Durchlässigkeit der Gelenke des Reiters und nicht auf die Auswirkung der Atmung des Reiters geachtet, vielmehr wird der Reiter aufgefordert, zu treiben oder nachzutreiben - ein weit ausgebildeter oder talentierter Reiter weiß, was damit gemeint ist und kann dies richtig umsetzen, aber wir haben es insbesondere im Breitensport mit Menschen zu tun, die über wenig Körperbeherrschung, mangelnde Bauchmuskulatur, Haltungsfehler verfügen und zudem keinerlei Bewegungsgefühl mitbringen.

  • Was Treiben wirklich heißt,wird nicht vermittelt.




Ein Reiter muss den Wechsel von gebogenen und geraden Linien zuverlässig reiten können, bevor er in das Reiten von Seitengängen geschickt werden darf! (Sieglinde Jörg)


Häufige Ausbilder-Fehler:

  • Viele Ausbilder schicken ihre Reitschüler in Seitengänge bevor diese überhaupt den Wechsel zwischen gebogenen und geraden Linien fließend reiten können. Auch gelingt es vielen Reitern nicht, den Takt und das Gleichmaß der Gänge zu erhalten - die Versammlung erscheint ohnehin als schier unerreichbares Ziel. Die Folge ist, dass sich die Reiter durch ein übermäßiges Verdrehen im Schulterbereich verkanten, begleitet durch ein Ziehen am inneren Zügel. Das Schulterherein gelingt womöglich noch mehr schlecht als recht trotz Verlust der Durchlässigkeit im Reitersitz, aber der Reiter kann nicht mehr korrekt geradeaus reiten, auf einen Zirkel oder eine Volte abbiegen, geschweige denn Schlangenlinien reiten. Diese einmal fehlerhaft erlernte Verkantung im Sitz ist nur schwer zu korrigieren. Gerät der Reiter unter Stress (Verkehr, sprich andere Reiter in der Bahn und er muss ausweichen), so fällt er sofort in dieses Muster.


Beim Lehren des Schenkelweichens ist es von immenser Bedeutung, dass dem Reitschüler das Nacheinander der Hilfengebung und vor allem der Unterschied des seitwärtstreibenden und des verwahrend-abfangenden Schenkeleinsatzes verdeutlicht wird. Wird hier nicht mit Präzision unterrichtet, schleudern Reiter und Pferd mit fehlerhafter Gewichtshilfe in die Übung – der Sinn geht verloren.


Häufige Ausbilderfehler:

  • dem Reitschüler wird das Nacheinander der Hilfengebung nicht erklärt

  • dem Reitschüler wird der Unterschied zwischen seitwärtstreibendem und verwahrendem Schenkeleinsatz nicht erklärt, auch nicht, wie es sich anfühlt– bei der Einführung des Schenkelweichens darf man außerdem nicht müde werden, alle existierenden Schenkelhilfen zu nennen, denn eine Vielzahl von Reitern differenziert hier nicht

  • der Ausbilder achtet nicht darauf, ob der Reitschüler dem Pferd korrekt Stellung gibt,lässt dies nicht üben – auch lässt er zu, dass das Pferd in Stellung gezogen wird, was fatal ist

  • der Ausbilder lässt die Übung ohne Stellung reiten und erläutert nicht, dass das gerade Pferd gestellt (aber nicht gebogen) ist, es wird nur betont, dass das Pferd gerade ist - so gerittene Pferde fühlen sich beim Korrekturreiten am Anfang an wie ein Brett

  • der Ausbilder lässt den Reitschüler in der Übung, wenn dieser in eine Gewichtsverlagerung gekippt ist – er achtet nur darauf wie das Pferd fusst, nicht aber wie der Reitschüler sitzt und einwirkt (mit einer der häufigsten Ausbilderfehler überhaupt)

  • es erfolgt keine Fehleranalyse, wenn die seitwärtstreibende Hilfe falsch eingesetzt wird

  • es wird nicht erläutert, warum das Pferd bedachter tritt, die Vorhand auf die Hinterhand wartet – stattdessen wird erlaubt, dass der Reitschüler das als schleichend empfundene Pferd straft statt den Reitschüler erfühlen zu lassen, was da unter ihm passiert

  • der Ausbilder verdeutlicht nicht, warum das Schenkelweichen später von Schultervor, Schulterherein und Übertreten auf der Zirkellinie abgelöst wird

  • der Ausbilder versäumt es, darauf zu achten, dass die verwahrende Zügelhilfe auch als solche eingesetzt wird und nicht als Festhalten

  • das Timing, wann welche Hilfe erfolgt, wird dem Reitschüler nicht vermittelt

  • dem Ausbilder entgeht, dass der Reiter im Schulter-Arm-Bereich verspannt ist





Das Schultervor ist eine der wichtigsten Lektionen für Pferd und Reiter überhaupt.

Insbesondere das Reiten von Schultervor und Geradeaus im Wechsel schult eine feine Körperwahrnehmung beim Reiter. Das Schultervor legt den Grundstein für alle weiteren Lektionen. Der Reitschüler versteht bei korrekter, didaktisch reduzierter (!) Hinführung, was Durchlässigkeit in seinem Skelett bedeutet und welche Auswirkungen minimale Veränderungen im Sitz haben. (Sieglinde Jörg)


Häufige Ausbilder-Fehler:

  • Die Hilfen werden in ihrer Komplexität erklärt, statt didaktisch reduziert darauf zu achten, dass der Reiter durch eine einzige Anweisung in die Lektion geschickt wird und auf die Durchlässigkeit des Reiterkörpers wert gelegt wird. Die Folge davon ist, dass die Reiter diese Lektion mit fehlerhafter Gewichtsverlagerung und übermäßigem Schenkeleinsatz begleitet durch am Zügel-Ziehen reiten. Außerdem wird diese Lektion häufig gar nicht verlangt, die Reiter werden in fehlerhaft gerittenes Schulterherein geführt.





HILFSMITTEL werden missbraucht, was zu einem vom Reiter nicht wahrgenommenen Missbrauch des geliebten Pferdes führt. Hier hat der Ausbilder eine große Verantwortung!


Der korrekte Einsatz der Gerte ist ausschlaggebend für die Feinheit in der Kommunikation mit dem Pferd. Hierbei spielt die innere Haltung/Einstellung des Reiters (!)sowie die Ausführung dieser Hilfe eine große Rolle.


Häufige Ausbilderfehler:

  • Übermäßiger und zu intensiver Gerteneinsatz wird geduldet, erlaubt oder gefördert.

  • Der strafende Einsatz wird Dauerzustand.

  • Das Timing stimmt nicht.

  • Es wird nicht gelehrt, welche innere Haltung des Reiters mit dem Gerteneinsatz einhergehen muss und wie fein diese Hilfe eingesetzt werden kann.



Der Sporen dient der Verfeinerung der Hilfengebung, NICHT zum Antreiben eines faulen Pferdes. Dieser Unterschied ist entscheidend. Der Reitschüler lernt, wenn ihm beigebracht wird, mit dem Sporen Pferdehaar zu fühlen, die Unterschiede zu erspüren, wann der Sporen eingesetzt wird und mit dem Bein jede Bewegung des Pferdes atmend aufnehmen zu können. Das In-den-Absatz-Federn wird leichter und das Muskelspiel im Bein des Reiters wird ebenfalls leichter, der Reiter gewinnt an Durchlässigkeit, die Bewegung fließt durch das Bein des Reiters, er atmet mit dem Pferd. Welche Voraussetzungen beim Reiter gegeben sein müssen und wie dieses Fühlen vermittelt werden kann, wird später erläutert. (Sieglinde Jörg)


Häufige Ausbilderfehler:


  • Der Reitschüler soll Sporen anziehen, um ein vermeintlich faules Pferd anzutreiben. Da kommen auch Kommandos wie: „Dann bleibt der Sporen halt mal drin.“ Das ist fatal und beruht auf einem falschen Verständnis dieses Hilfsmittels.

  • Dem Reitschüler wird der oben beschriebene Unterschied nicht erklärt, auch wird nicht gelehrt, dass man mit dem Sporen Pferdehaar fühlen soll.

  • Das führt zu einer Abstumpfung oder Verletzung des Pferdes.

  • Das feine Wechselspiel zwischen Anspannen und Entspannen der Beinmuskulatur des Reiters wird so nicht gelehrt, im Gegenteil der Reiter lernt, sich in der Beinmuskulatur zu verkrampfen, im Sprunggelenk/Fesselgelenk zu verkanten und kann so nicht fein einwirken.